Die Geschichte der
Staatlichen Bibliothek Ansbach (Schloßbibliothek)
aus "1250 Jahre Ansbach : Aufsätze zur Stadtgeschichte ; Ansbach 1998"

 

Die "hochfürstliche öffentliche Bibliothek“ (Schloßbibliothek) 

Markgraf Wilhelm Friedrich (1703 – 1732) rief die erste öffentliche Bibliothek in der Residenzstadt ins Leben. Durch Dekret vom 21. Dezember 1720 erklärte er die bisherige fürstliche Hausbibliothek zur öffentlichen Landesbibliothek, bestätigt durch hochfürstliches Ausschreiben vom 14.Juli 1721.

Den Grundstock dieser Hausbibliothek, die der markgräflichen Familie und dem Hofstaat zur Belehrung und Unterhaltung diente, hatte bereits Markgraf Georg Friedrich der Ältere (1556 – 1603) gelegt, wie viele Schweinslederbände mit seinem Supralibros GF MZB bekunden. Theologische Werke, lateinische Klassiker und Chroniken zeigten seine Spezialinteressen. Sein Nachfolger, Markgraf Joachim Ernst aus der jüngeren Linie des Hauses Brandenburg-Ansbach (1603 –1625, bevorzugte neben der Theologie, historischen und geographische Bücher sowie Werke der Kriegs- und Festungsbaukunst, ebenso sein Sohn und Nachfolger Albrecht V. (1639 – 1667). Ein breites Spektrum aller Wissensgebiete zeigt sich erst in der Bibliothek des Markgrafen Johann Friedrich (1672 – 1686). Seine universelle Büchersammlung umfasste 1832 Werke in deutschen, französischen und italienischen Ausgaben. Die Belletristik ist erstmals breit vertreten, kein Wunder bei einem Schöngeist, der selbst Romane schrieb. Für die 1726 errichtete öffentliche Schlossbibliothek hatte jeder fürstliche Diener bei Antritt eines neuen Amtes einen nach Rang genau eingestuften Beitrag zu leisten. So musste ein Minister, Geheimer Rat, Oberhofmarschall, Obristjägermeister und Obriststallmeister 8 fl. Zur Bibliothekskasse abgeben, eine Obrist, Forstmeister, Oberamtsmann, Kollegialrat 6 fl., ein Rittmeister, Kapitän, Kammerjunker, Hofmedikus 4 fl., ein Dekan, Hofjunker, Sekretär, Rektor 3 fl. Und ein Pfarrer, Leutnant, Kanzlist, Kammerdiener 2 fl.

Zuwachs erhielt die Bibliothek durch Ankauf von Buchführern (=Buchhändlern) und aus namhaften Privatbibliotheken (C. V. Blaspiel, Kardinal Du Bois, Z. C. v. Uffenbach u.a.). Exlibris Z. C. v. Uffenbach
Große Bereicherung erfuhr sie 1730 durch die umfangreiche und kostbare Bibliothek der so früh verstorbenen Markgräfin und Landesregentin Christiane Charlotte (reg. 1723 – 1729). 1733 wurde die Konsistorialbibliothek der Schlossbibliothek einverleibt.
Stiftungsbrief

1738 erließ Markgraf Carl Wilhelm Friedrich, der sogen. „Wilde Markgraf“ (1729 – 1757), einen Fundationsbrief, durch den die fürstliche Büchersammlung zusammen mit dem angegliederten Münzkabinett zu einer öffentlichen fideikommissarischen Anstalt des Hauses Brandenburg-Ansbach erklärt wurde:

Die Hochfürstliche Bibliothek sollte „niemals geteilt“ werden und „eine ständige Zierde Ansbachs“ bilden zum Nutzen Einheimischer und Fremder, Lehrender und Lernender. Privilegierte Benützer waren die Mitglieder der fürstlichen Kollegien, des Hochfürstlichen Geheimen Archivs und die  studierende Jugend des Gymnasiums Carolinum mit seinen Lehrern. Erster Bibliothekar war seit 1725 der Prinzeninformator Magister Krebs. Zu seinem Nachfolger wurde 1729 der nachmals als Historiker und Leiter des Hochfürstlichen Geheimen Archivs rühmlichst bekannte Johann Sigmund Strebel bestellt, der sogar zum Geheimrat aufsteigen konnte. Er machte sich um die Katalogisierung der Bestände zusammen mit dem zweiten Bibliothekar Gottlieb Paul Christ sehr verdient. Mit der wachsenden Bedeutung der Schlossbibliothek kam 1765 sogar ein dritter Bibliothekar hinzu, der auch als Münzinspektor die umfangreiche 1735 mit den Bücherschätzen vereinte Münzsammlung zu betreuen hatte, der Theologe und Numismatiker Johann Jakob Spieß, bekannt als Verfasser der „Brandenburgischen historischen Münzbelustigungen“ (1768 – 1772). Weitere Bibliothekare wurden angestellt, so 1774 J. A. Ludwig Wetzel, der zugleicht als Hofkammerrat und Pagenhofmeister fungierte. Er verfügte über ausgezeichnete Kunstkenntnisse. Auf seine Fürsprache kamen wertvolle Kunstschätze des Schlosses in die Räume der Bibliothek und des Münzkabinetts.

Als letzter unter markgräflicher Regierung wurde nach dem Tode Christs 1786 Dr. Johann Zenker zum Bibliothekar und Münzinspektor bestellt. Der Polyhistor wirkte auch als Hof und Regierungsrat sowie als Professor der Weltweisheit und Geschichte am Gymnasium. Alle Betreuer der Bibliothek hatten keine eigentliche bibliothekarische Vorbildung. Sie waren Rechts- und Staatswissenschaftler, Philologen oder Theologen. Alle aber waren sie von einer erstaunlichen Vielseitigkeit.

Bücher mit markgräflichen Supralibros

Untergebracht war die Hochfürstliche Bibliothek zunächst noch im Residenzschloß. Wegen erhöhter Feuergefahr infolge der vielen Festlichkeiten und der Baumaßnahmen wurde sie 1726 in den dritten Stock des alten Marschalkhauses (Marschalk von Ebneth, heute Stadtsparkasse) verlegt. Bei der ständig wachsenden Büchermenge herrschte dort bald große Raumnot. So wurde 1745 die Bibliothek wieder in das nun durch Leopoldo Retty ausgebaute Schloß zurückverlegt. Sie erhielt im 3. Stock einen repräsentativen Bibliothekssaal und zwei Nebenräume. In einem anschließenden Raum wurde das Münz – und Medaillenkabinett untergebracht mit einer Sammlung von Kunstgegenständen, Bronze- und Marmorstatuen, kostbaren Vasen und Erdgloben. Damals hatte die Büchersammlung auch der fürstlichen Reputation zu dienen und stand Interessierten zum „Perlustrieren“ offen.

Dank einer klugen Erwerbungspolitik, vieler Ankäufe, zahlreicher Schenkungen von seiten der Markgrafen Carl Wilhelm Friedrich und besonders Alexander (1757 – 1791) zählte die Schlossbibliothek am Ende der Markgrafenzeit über 20.000 Bände. Auch zahlreiche private Büchersammlungen wurden ganz oder teilweise der Schlossbibliothek überlassen. So wuchsen durch testamentarische Schenkungen zwei geschlossene Fachbibliotheken hinzu:

1762 die Büchersammlung des 1760 zu Schwabach verstorbenen Geschichtsschreibers Johann Heinrich von Falkenstein und die medizinische Bibliothek des 1777 verstorbenen markgräflichen Leibarztes Hellweig Christian Mayer. Exlibris Johann Heinrich von Falkenstein

Nicht in das große Sammelbecken für Bücher, die Schlossbibliothek, gelangte die nach Umfang und Bedeutung größte Privatbibliothek des markgräflichen Obristbaudirektors und nach maligen Geheimrats und Ministers Carl Friedrich von Zocha (1683 – 1749). Mit über 14.500 Bänden zählte sie ebensoviele Bücher wie die damalige Hochfürstliche öffentliche Bibliothek. Der vermögende, weitgereiste, bildungshungrige und bücherbesessene Kavaliersarchitekt und Jurist C. F. Freiherr v. Zocha hatte sich in seinen späten Jahren in hohe Schulden gestürzt. Als er 1749 starb, musste u.a. die reichhaltige, alle Wissensgebiete umfassende, meist kostbar in Leder gebundene Büchersammlung versteigert werden. Durch die Auktion wurde 1759 Ansbachs größte Privatbibliothek in alle Winde verstreut. Nur ein dreibändiger gedruckter Katalog dieser „Bibliotheca Zochiana“ (1752) kündet noch von der leidenschaftlichen Bücherliebe einer großen Persönlichkeit, die mit dem Bauwesen des Residenzschlosses, der Orangerie, des Gesandtenhausen (heute Verwaltungsgericht) sowie anderer Bauten in Stadt um Umland verbunden ist.

Benützer der öffentlichen Hochfürstlichen Bibliothek waren meist markgräfliche Beamte, Wissenschaftler, Lehrer und Schüler der Fürstenschule, des nach den beiden letzten Markgrafen benannten Gymnasiums „Carolo-Alexandrinum“ (heute nur noch „Carolinum“). Das „edle Kleinod“ und die „Zierde Ansbachs“ erlitt infolge der Abdankung des Markgrafen Alexander, dem Übergang der zollerischen Fürstentümer an Preußen 1791 gewaltige Einbrüche. Mit der von der preußischen Regierung befohlenen Abführung des größeren und wertvolleren Teils der Schlossbibliothek 1805 und 1806 an die Universitätsbibliothek Erlangen begann ein Niedergang ohne gleichen: 12.400 Bände, darunter 151 Prachthandschriften des 9. bis 15. Jahrhundert, 471 Wiegendrucke, 47 Bände mit Landkarten und 85 Kunstwerke mit 20 Bänden Handzeichnungen, Holzschnitten und Kupferstichen erster Meister (darunter das berühmte Selbstbildnis Albrecht Dürers von 1492) wurden eilig in Kisten verpackt und nach Erlangen abtransportiert. Zurück blieb  ein trauriger Restbestand von ca. 7000 Bänden, der in den ersten Jahrzehnten unter bayerischer Regierung (ab 1806) mangels an Mitteln kaum vermehrt werden konnte.

Bereits 1796 hatte der preußische König die Ablieferung des kostbaren Münzkabinetts an das königliche Münzkabinett nach Berlin verfügt. Die in sechs prachtvollen Intarsienschränken verwahrte Münz- und Medaillensammlung mit insgesamt 7.540 Exemplaren (darunter 4.163 antike Münzen) sowie eine zugehörige Spezialbibliothek mit seltenen numismatischen und archäologischen Werken musste der Münzinspektor, Hofrat Wetzel, im Winter 1796/97 verpacken und in eigener Person mittels Frachtwagen im Januar 1797 nach Berlin bringen.

 

Die Regierungsbibliothek

Die so grausam verstümmelte Schloßbibliothek erhielt 1824 durch die sogen. Literalien des Rezatkreises (Gesetzbücher, Kommentare, Amtsblätter) Zuwachs. Sie wurde dadurch zur Geschäftsbibliothek der Regierung und hieß seitdem Regierungsbibliothek. Eine beträchtliche Vermehrung wuchs ihr 1865 zu durch die an fränkischem Heimatschrifttum und historischen Quellenwerken zur Reichs- und Landesgeschichte reiche Bibliothek des 1830 gegründeten Historischen Vereins für Mittelfranken.

Großer Saal in der alten Schloßbibliothek (Regierungsbibliothek)

Trotz solcher Mehrungen gelang es nicht, die gewaltigen Lücken, die der Schloßbibliothek 1805/06 geschlagen worden waren, auch nur einigermaßen zu schließen, da lange Zeit keine eigenen Mittel zur Verfügung standen. Von planmäßiger Akzession konnte keine Rede sein. Das Katalogwesen lag im argen. Ein 1913 gedruckter Katalog der Regierungsbibliothek erwies sich als recht mangelhaft. Hauptamtliche Bibliothekare gab es nicht mehr. Kanzleibeamte der Regierung betreuten nebenbei die Bibliothek, unterstützt von Gymnasialprofessoren oder Anwälten (Vorstandsmitgliedern) des Historischen Vereins für Mittelfranken, der in einem Bibliotheksraum sein Geschäftszimmer hatte. Erstes erfreuliches Anzeichen einer Besserung der Verhältnisse war 1946 die Anstellung einer Diplombibliothekarin.

 

Die Staatliche Bibliothek Ansbach

1959 wurde die Regierungsbibliothek der Generaldirektion der (bayerischen) staatlichen Bibliotheken unterstellt (wurde im Jahre 2000 aufgelöst und der Bayerischen Staatsbibliothek eingegliedert) und in den Staatshaushalt des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus aufgenommen. Seitdem verfügt sie über einen ordentlichen Etat und ist nicht mehr – wie vordem – auf Zuschüsse angewiesen.

Im Mai 1972 wurden im 2. Stock des Schlosses neue Räume bezogen. Dies war jedoch nur ein interimistischer Aufenthalt, denn bereits im Mai 1988 erfolgte der Einzug der Staatlichen Bibliothek in das zweckmäßig umgebaute ehemalige Markgrafentheater, das zuvor als Reithalle gedient hatte und Mitte dieses Jahrhunderts als Lichtspieltheater fungierte.

Die offizielle Einweihung des neuen Domizils fand am 6. Juni 1988 mit einem Festakt in der Orangerie und einer Ansprache des bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair sowie einem anschließenden Staatsempfang in den Räumen der Bibliothek.

Der geräumige Lesesaal mit umlaufender Galerie, einer umfangreichen Handbibliothek mit Nachschlagewerken aus allen Wissensgebieten und wesentlichen Neuerscheinungen sowie einer Auslage von Zeitschriften und Tageszeitungen, den Sitznischen zur Rezat und in den Dachgauben oder Arbeitsplätzen am großen Tisch inmitten des Saales lädt ein zu intensiver Lektüre in ruhiger Atmosphäre.

Die Voltaire-Büste, ein Geschenk des letzten Markgrafen Alexander an seine Schloßbibliothek, ist als einziger Kunstgegenstand der Bibliothek verblieben. Leider befindet sich nur noch eine Kopie in Bibliotheksbesitz, das Original wurde von der Schloß- und Gartenbauverwaltung Mittelfranken übernommen und in den Prunkräumen der Residenz aufgestellt. Im Magazin wird das altüberkommene Schriftgut verwahrt.

Die Staatliche Bibliothek mit inzwischen über 110.000 Bänden versteht sich als Regionalbibliothek mit Literatur des gehobenen Bedarfs. Sie steht zwischen den Universitätsbibliotheken (mit hochspezialisierter Literatur) und den Volksbüchereien (mit Literatur für breite Leserkreise).